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Georgette Magritte berichtet
Bei welcher Gelegenheit haben Sie René Magritte kennengelernt? In Charleroi, wo ich meine Kindheit verlebt habe, wurde Jahrmarkt veranstaltet. Auf dem Platz der Oberstadt gab es ein Karussell. „Komm, wir drehen auf der Mühle eine Runde", sagte mir ein ganz junger Mann. In der folgenden Zeit traf ich mich mit René auf unseren Schulwegen fast täglich. Dann begann 1914 der Krieg René reiste nach Brüssel, und ich verlor ihn aus den Augen. Nach dem Waffenstillstand bin ich meiner Schwester Léontine aus familiären Gründen nach Brüssel gefolgt, wo wir als Angestellte in einem Geschäft für Malereibedarf beschäftigt wurden. Im Frühling 1920, als ich eines Tages nach dem Mittagessen mit meiner Schwester im botanischen Garten spazierenging, „stolperte ich" über René. Er brach in lautes Freudengeheul aus! Und seither haben wir uns nicht mehr getrennt. Wir haben nach seiner Militärzeit geheiratet.
Ungewöhnliche Ereignisse in der Kindheit sind oft ausschlaggebend für die weitere Entwicklung. Hat Magritte Ihnen von seinen Erlebnissen erzählt? René hat mir nie von seiner Mutter erzählt, er hat mir auch nichts über seine Verwandten mitgeteilt. Ihn interessierte weder Vergangenheit noch Zukunft, nur die Gegenwart war ihm wichtig. Er hatte keinen Sinn für die Familie, er liebte nur seine Frau, seinen Pommernspitz und sein Zuhause, fern von allen Dingen. „Wenn ich auf Reisen gehe", sagt er, „ist der schönste Augenblick der, wenn ich nach Hause zurückkomme." Er mochte Autos nicht und hat nur einmal eines fünf Tage lang besessen. Seine Freunde empfing er lieber bei sich, als daß er sie aufgesucht hätte, und er hielt sie zuweilen bis zum Morgen fest, wenn die Unterhaltung Themen berührte, die ihn interessierten, sonst ermüdete sie ihn bald. Banalitäten, gängige Allerweltsweisheiten waren ihm ein Greuel Geldprobleme interessierten ihn nicht. Manchmal gestand er seinen Freunden, daß er sich langweile. Aber ich glaube das nicht. Wenn er nicht malte, spielte er Schach oder löste Schachprobleme; das Schachspiel hat viele Stunden seines Lebens ausgefüllt. Hin und wieder hat er mich gebeten: „Spiel mir eine Gymnopédie von Satie", denn er hat Satie, Debussy und Ravel sehr geliebt. „In der Musik", sagte er, „werde ich nicht weitergehen als Debussy und Ravel." Er sprach wenig. Da er weder vergnügt noch traurig war, hatte man den Eindruck, er würde ständig nachdenken. Er war ein Geistesarbeiter von eher unruhigem Wesen. Er hat viel gelesen. Welche Bücher?
Wie er Marcel Aymé und die Kriminalromane liebte , so vertiefte er sich andererseits in philosophische Lektüre, vor allem Heidegger, Hegel und Kant, wie auch die Dichter. Er hat die ungewöhnlichen Geschichten von Edgar Allan Poe gelesen, gelesen und nochmals gelesen.
Könnten Sie mir genauer sagen, welche Ansichten er hatte? Als Lausejunge hat er, um die Hausgehilfin Anais zu foppen, bei Tisch sich bekreuzigt oder Altäre in seinem Zimmer errichtet Kindliche Spiele. Er ging niemals zur Messe. Hat er geglaubt?
Ich halte es für unwahrscheinlich. Er war überzeugt, daß der Welt ein Mysterium
ABBILDUNG: OBEN LINKS
Das unbeschriebene Blatt, 1967
La page blanche
Öl auf Leinwand, 54 x 65 cm
Das Heimweh, 1941 Le mal du pays
Öl auf Leinwand, 100 x 81 cm