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EIN LEITUNG
Lessing hat auf alle gewirkt, die nach ihm kamen. Er war folgenreich wie nur wenige in der langen Geschichte des menschlichen Denkens. Und wer nicht oder nicht mehr mit ihm übereinstimmte, der mußte ihn erst überwinden. Aber die, die das vermochten, waren genauso wenige. Immerhin, von ihnen ließe sich ein stattliches Inventar der vorzüglichsten Urteile beibringen.
Drei der Größten seien als authentische Zeugen angeführt. Als Johann Gottfried Herder 1781 in Wielands Teutscbem Merkur des jüngst Verstorbenen gedachte, begann er mit dem Satz: „Kein neuerer Schriftsteller hat, dünkt mich, in Sachen des Geschmacks und des feineren, gründlichen Urteils über literarische Gegenstände auf Deutschland mehr gewirkt als Lessing." — Nicht anders Schiller während der Beschäftigung mit der Hamburgiscben Dramaturgie am 4. Juni 1799 in einem Brief an Goethe: „Es ist doch gar keine Frage, daß Lessing unter allen Deutschen seiner Zeit über das, was die Kunst betrifft, am klarsten gewesen, am schärfsten und zugleich am liberalsten darüber gedacht und das Wesentliche, worauf es ankommt, am unverrücktesten ins Auge gefaßt hat. Liest man nur ihn, so möchte man wirklich glauben, daß die gute Zeit des deutschen Geschmacks schon vorbei sei, denn wie wenig Urteile, die jetzt über die Kunst gefällt werden, dürfen sich an die seinige stellen." Da der Klassiker dies schrieb, hatte er selber schon in seinen großen Abhandlungen das Erbe Lessings fortgesetzt und aufgehoben, und die Romantiker — Friedrich Schlegel und Novalis vor allem — waren soeben dabei, unter der Form der ästhetischen Kritik ihre Enttäuschung über eine Gesellschaftsentwicklung zu formulieren, die von Lessing mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln im Hinblick auf eine künftige Herrschaft der Vernunft und der Humanität mit initiiert worden war. — Und schließlich Heinrich Heine. Als er auftrat, hatte die Bourgeoisie ihre einst proklamierten Ideale der