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EINLEITUNG
Die visionären Erfahrungen der zahlreichen, im Laufe der Kirchengesdiichte auftretenden Mystiker sind bisher kaum in ihrem Zusammenhang untersucht worden. Joseph von Görres hat in seinem Standard-Werk über die christliche Mystik auch die visionären Erfahrungen anhand umfassender Quellenstudien dargestellt, doch hat dieses Werk trotz seiner eindringlichen Schilderung der Phänomene nicht zu einer systematischen Erforschung des Gesamtbereiches der christlichen Vision geführt. Die Seltenheit des Auftretens von visionären Persönlichkeiten hat es mit sich gebradit, daß sie in ihrer Epoche jeweils als Ausnahme-Erscheinungen galten. Die Erkenntnis der inneren Zusammenhänge der visionären Phänomene war außerdem durch die Tatsache behindert, daß das Auftreten einzelner Visionäre in einer Epodie regelmäßig in den Kategorien der damals gerade vorherrschenden Weltanschauung »erklärt« wurde. So hat Justinus Kerner der Deutung der von ihm untersuchten Seherin von Prevorst die damals herrschende Theorie des Somnambulismus zugrunde gelegt, die aus der Mesmer'schen Theorie des animalischen Magnetismus hervorgegangen war. Phänomene des späteren 19. Jahrhunderts wurden im Sinn des Spiritismus gedeutet, neben dem sich gegen Ende des Jahrhunderts mehr und mehr eine psychopathologische Deutung der Vision durchsetzte, deren Wortführer das Phänomen der Vision unter dem klinischen BegrifE der Halluzination abhandelten. Gerade der recht verschiedenartige Ausgangspunkt der theologischen, philosophischen oder naturwissenschaftlichen Interpretation der visionären Phänomene hat dazu beigetragen, eine Erkenntnis ihres inneren Zusammenhanges und ihrer Kontinuität zu verhindern.
Aber auch die durch den Inhalt der Visionen und die Persönlichkeit der Visionäre selbst gewiesene theologische Beschäftigung mit den visionären Phänomenen hat nicht zu einer zusammenhängenden Betrachtung derselben geführt. Die römisch-katholische Kirche hat zwar eine dogmatisch korrekte Theologie der Vision entwickelt, die die Ausbildung eines Systems dogmatisdier und kirchlicher Kontrollen der Visionäre und ihrer Offenbarungen ermöglichte. Maßgeblich war dabei weniger das Interesse an einer umfassenden Erkenntnis des Phänomens selbst als das Bedürfnis eines Schutzes des kirchlichen Kanons und der Kirdien-lehre vor neuen Offenbarungen, die die bestehenden Dogmen und Institutionen hätten bedrohen können. Im Zusammenhang mit der allgemeinen Entwicklung der Psychologie und des wissenschaftlichen Bewußtseins ist diese Kontrolle der Visionäre immer strenger geworden. Allgemein läßt sich seit dem 17. Jahrhundert eine progressive Abwertung der Visionäre und Visionen auch im Bereich des römischen Katholizismus feststellen.