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Einführung 1. Die Problematik einer Theologie des Neuen Testaments Dem christlichen Bibelleser von heute ist es wohl weitgehend selbstverstándlich, dag die Bibel aus zwei verschiedenartigen Teilen besteht, deren Gedanken sich nicht einfach decken, námlich aus dem auch von den Juden als „Heilige Schrifl" anerkannten „Altén Testament" und dem für die Christen wichtigeren „Neuen Testament". Aber derselbe Bibelleser wird, wenn er nicht schon durch Einsichten der modernen Theologie beeinfluSt worden ist, vermutlich ebenso selbstverstándlich annehmen, dal? das Alte Testament und das Neue Testament je in sich einheitlich sind und daL man darum mit vollem Recht nach den Lehren des Altén und des Neuen Testaments fragen und diese Fragen eindeutig beantworten kann. Nun ist freilich schon die Einsicht, dag die Anschauungen des Altén und des Neuen Testaments miteinander nicht übereinstimmen, der Christenheit keineswegs von jeher selbstverstándlich gewesen; andererseits ist die Annahme, daS das Alte Testament und das Neue Testament je für sich eine sachliche Einheit darstellen, in der gleichen Zeit fraglich geworden, in der die Oberzeugung von der Übereinstimmung des Altén mit dem Neuen Testament in Zweifel gezogen worden ist. Und in der Tat besteht ein notwendiger sachlicher Zusammenhang zwischen der Frage nach der Übereinstimmung beider Testamente miteinander und der Frage nach der Einheitlichkeit des Altén und des Neuen Testaments je in sich. Wenn wir darum die Frage nach einer Theologie des Neuen Testaments und nicht der Bibel als ganzer stellen, so stehen wir zugleich auch vor der Frage nach der Einheitlichkeit dieses Neuen Testaments und nach der etwaigen Vielzahl der in ihm zu Wort kommenden Stimmen. Das ergibt sich sofort, wenn wir einen Blick auf die Entstehung der Frage nach einer Theologie des Neuen Testaments werfen. Martin Luther hatte vor dem Reichstag zu Worms 1521 erklárt, daí? er weder dem Papst noch den Konzilien alléin glaube, sondern der Heiligen Schrifl und eindeutigen Argumenten, und die anderen Reformatoren hatten in áhnlicher Weise die Bibel als alleinige Autoritát gegenüber der kirchlichen Lehre proklamiert. Wenn auf diese Weise die Bibel in einer so bisher unbekannten Eindeutigkeit als alleinige Autoritát in den Mittelpunkt gestellt wurde, so richtete sich die Ablehnung der Autoritát der kirchlichen Tradition zugunsten der alleinigen Autoritát der Bibel durch die reformatorische Theologie doch im wesentlichen nur gegen Lehre und Gestalt der mittelalterlichen Kirche, und für die Reformatoren wie für die protestantische Orthodoxie bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts stand die Überzeugung fest,