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Werner Höfer
Zitieren — Glüclsache Zitate — Glüclsfälle
„Allein der Vortrag macht des Redners Glück": Das lernt man nicht im Seminar eines Rhetorikers, sondern in der Studierstube des Dr. Faust. Aber der Verfasser dieses Lehrsatzes hat sich noch auf weit wirksamere Weise um die Kunst deutscher Rede verdient gemacht. Denn Johann Wolfgang von Goethe hat der Nachwelt einen unermeßlichen Schatz an zitierfähigen Sentenzen hinterlassen, an Zitaten, die gelegentlich versehentlich selbst dann unserem Allround-Genie zugeschrieben werden, wenn sie in Wirklichkeit einem kleineren Geist zu verdanken sind.
Zitieren ist eben Glücksache. Nicht jeder Redenschreiber, in der gehobenen Kanzleisprache zum „Geisterschreiber" befördert, macht sich die Mühe, in einem der populären Nachschlagewerke nachzusehen, und wer gar, o Wunder!, frei spricht, mag sich auf der Suche nach Wörtern und Bildern leicht bei der Zuweisung einer entliehenen Spruchweisheit vertun. Die wenigsten seiner Zuhörer werden es merken, und die Urheber können sich meist nicht mehr wehren, würden sich im Erlebensfalle sogar geehrt fühlen, wenn ein Kleinmeister mit dem Meister aller Klassen verwechselt wird.
Zitate sind Glücksfälle. Wer zur Feder greift, wer das Wort ergreift, muß sich vornehmen, dem Publikum, dem er sich zuwendet, sich und seine Sache nahezubringen, des Hörers Verstand ebenso zu erreichen wie sein Gemüt anzurühren. Doch diese Wirkung ist flüchtig. Anlaß und Stunde überdauern nur jene Sätze, die so griffig und so süffig, so intuitiv und so suggestiv geraten, daß sie sich dem Bewußtsein spontan einprägen, sich leicht behalten und gern wiederholen lassen: als zitierfähige Formulierung, als Zitat.