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Antisemitismus vor Hitler
Pilatus wird entlastet
Alle vier Jahre spielen die Dorfbewohner von Oberammergau die Passion Christi, getreu einem Gelübde aus der Pestnot des Jahres 1633. Auch beim nächsten Mal werden die Laiendarsteller, wenn die Anzeichen nicht täuschen, wieder den Text des Dorfpfarrers Daisenberger von 1860 verwenden. Und wieder wird es Vorwürfe geben, das Stück besitze antisemitische Tendenz. Sieht man von der Kreuzigungsszene ab, so ist das dramatische Zentrum des Passionsspiels der Prozeß. Der römische Statthalter Pontius Pilatus, der Jesus nach seinem Verhör den Juden zur Hinrichtung freigibt, erscheint als Mann von Mitleid und Gerechtigkeit. Er hält Jesus für einen weisen Lehrer und gibt nur auf äußersten Druck des Hohen Rates und des Volkes nach. Die racheschnaubenden Juden, »betörtes, verführtes Volk« und fanatische Priester heben sich davon um so düsterer ab. »Teufel aus tiefster Hölle, Bluthunde«, schleudert ihnen der reuige Judas nach der Verkündung des Todesurteils entgegen.
Ein Blick in die Bibel lehrt, daß die Schwarzweißmalerei dort ihren Anfang genommen hat. Kaiphas, der Hohepriester, liefert Jesus dem römischen Prokurator aus. Die Masse brüllt, »sein Blut komme über uns und unsere Kinder«. Der Prokurator aber, da er sah, »daß er nichts schaffte, . . . wusch die Hände vor dem Volk md sprach: >Ich bin unsdiuldig an dem Blut dieses Gerechten; a-ehet ihr zu!<«
Im Grunde kann man es dem schlichten Dorfpfarrer Daisenberger, aufgewachsen in den Traditionen der Frömmigkeit seiner Bergheimat, nicht übelnehmen, daß die Juden bei ihm schlecht wegkommen; er handelt nur bibelgetreu. Daß das Neue Testament so angelegt ist, muß man aus der Zeit seiner Entstehung begreifen: Die Evangelisten, bemüht, den neuen Glauben zu verbreiten, schonten die Römer, deren Machtwort für das junge Christentum ebenso förderlich wie hinderlich sein konnte. Es war also eindeu-